Stimmen zum Findbuch


Juliane Mikoletzky

"Bereits im Jahr 2004 wurde das Archiv der ersten Künstlerinnenvereinigung Österreichs der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Das jüngste "Ergebnis ist ein 'Findbuch' der etwas anderen Art: Das Verzeichnis der Aktenbestände und Sammlungen der Vereinigung wurde ergänzt und erweitert durch eine umfangreiche Bilddokumentation und eine Reihe von ZeitzeugInnen-Interviews und Abhandlungen zur Vereinsgeschichte."



Iris Borovcnik und Angela Tiefenthaler in: unique 2006

"Österreichische Künstlerinnen, vereinigt euch!
Nicht überall im Kunstbetrieb werden Frauen auf ‘Körper, Gesicht und Seele’1 reduziert. Es gibt auch Orte an denen Frauen als Künstlerinnen ernst genommen werden. Und das nicht erst seit gestern.

Mehr als 100 Jahre hat es nun gedauert bis sich auch die Sezession, neuerdings Vereinigung bildender KünstlerInnen, mit dem Kopf einer Frau als Präsidentin schmücken darf. Barbara Holub wurde erst vor kurzem an die Spitze des Vorstandes der größten österreichischen KünstlerInnenvereinigung gewählt. Schön, dass in dem, als progressiven Männerverein gegründeten Verband, jetzt auch weibliche Mitglieder in der "Machtzentrale" mitmischen dürfen. Anfang des letzten Jahrhunderts war man/frau davon noch weit entfernt, sodass Frauen von Ausstellungen und Universitäten ausgeschlossen sich selbst einen Raum schaffen mussten.

Künstlerinnenvernetzungszentrale
Die Vereinigung bildender Künstlerinnen Österreichs (VBKÖ) trat erstmals 1910 in Erscheinung und entstand in explizieter Absicht kunstschaffende Frauen sichtbar zu machen. Eine Wohnung im ersten Bezirk wurde angemietet, (Verkaufs-)Ausstellungen organisiert und Frauennetzwerke aufgebaut. So wurde versucht das Berufsbild Künstlerin zu etablieren und "Frauenkunst" in das Blickfeld der Öffentlichkeit zu rücken. Auch in den Jahren des Nationalsozialismus setzte die VBKÖ ihre Tätigkeiten fort. Jüdinnen wurden aus dem Vereinsregister gestrichen, Ausstellungen und Kunstbegriff den Vorstellungen der nationalsozialistischen Propaganda angepasst. Nach Ende des Zweiten Weltkrieges stagnierte der Betrieb, bis in den 50er-Jahren unter dem Deckmantel des Bürgerlichen Frauen erneut die VBKÖ belebten. Mühevoll erhielt sich die Vereinigung über die nächsten Jahrzehnte am Leben. Den ursprünglichen Bekanntheitsgrad erreichte sie dabei nie wieder.

Aufarbeiten, umarbeiten, herausarbeiten
Bis heute besteht die Vereinigung nur aus wenigen Mitgliedern und muss jedes Jahr erneut um Subventionen kämpfen. Trotzdem versuchte Rudolfine Lackner, Präsidentin der VBKÖ, ab Mitte der 90er-Jahre neuen Wind in die damals brachliegenden Räumlichkeiten zu bringen. Einzelne Zimmer wurden als Ateliers vermietet, Ausstellungsprojekte und Diskussionsreihen organisiert, und dabei stets ein spezielles Augenmerk auf das Einbringen feministischer Debatten gelegt. Im Zuge dieser Umstrukturierung war vor allem eine selbstkritische Aufarbeitung der Vereinsgeschichte wichtig. Alle Reste und Überbleibsel der vergangenen Jahre wurden zusammengetragen und systematisch archiviert. In einer aus dieser Aufarbeitung resultierenden Ausstellung wurden 2004 all die inventarisierten Gegenstände und Dokumente erstmals einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht und so ein Diskurs zur eigenen Identität ins Rollen gebracht. Zwei Jahre danach wird jetzt das dazugehörige Findbuch veröffentlicht, das durch Interviews von ZeitzeugInnen ein zusätzliches Spektrum der Vereinsgeschichte eröffnet. Das Archiv als Konservierungsort stellt einen wichtigen Beitrag für die Sichtbarmachung von künstlerisch arbeitenden Frauen der letzten 100 Jahre in Österreich dar, die sonst durch die Masse der überrepräsentierten männlichen Kollegen völlig in Vergessenheit geraten wäre. Ein zusätzliches Unikum ist die sonst so selten anzutreffende Transparenz mit der bei der Darstellung der Geschehnisse während der NS- Zeit und den Jahren danach umgegangen wird.

Die Zukunft ist jetzt!
Die Räumlichkeiten der VBKÖ sind die gleichen geblieben, doch die Inhalte haben sich gänzlich verändert. Ob die Vereinigung jemals wieder zu einem weitverbreiteten Begriff in der Wiener Kunstszene werden wird, steht in den Sternen. Was sie allerdings jetzt schon zu einem außergewöhnlichen Ort macht, sind eben genau diese kleinen feinen Unterschiede. Wer sich selbst ein Bild machen will, kommt am besten schon am 23. Juni zur Präsentation des Findbuches und gleichzeitigen Eröffnung der neuen Ausstellung "Umordnungen/ Unordnungen/ Neuordnungen" in die Maysedergasse 2!"


1Titel einer Ausstellung in der Sammlung Leopold zu Frauenbildern in den letzten vier Jahrhunderten.