
1921 stellte Jakob Levy Moreno sich im „Wiener Komödienhaus” (das Theater befand sich im 9. Wiener Gemeindebezirk, Nussdorfer Straße 4-6) in einer happeningartigen Performance als „Königsnarr” der Öffentlichkeit. Eigentümer der Wiener Komödienhaus Ges.m.b.H. war seit 1920 der Verlag Eduard Strache, der Theaterdirektor war Georg Höllering, der Vater von Anna Höllering. „Das Narrentheater des Herren der Welt von Jakob Levy”, notiert die Volkszeitung am 1. April 1921, „wird zum erstenmal heute Freitag, 10 Uhr im Komödienhaus aufgeführt”. Moreno hatte zu einem nächtlichen Theaterereignis eingeladen, bei dem es weder Schauspieler gab, noch sollte ein literarisches Theaterstück aufgeführt werden. Vielmehr versuchte er, zusammen mit dem Publikum ein spontanes Spiel zu improvisieren.
Thematischer Anknüpfungspunkt sollte die aktuelle geistige und politische Situation in Wien sein: die Inszenierung des Weltuntergangs und die Frage der politisch Verantwortung. „Im Nachkriegs-Wien brodeln Revolten. Es gab keine gefestigte Regierung [...], und wie andere Nationen suchte Österreich ruhelos nach einer neuen Seele”, schreibt Moreno im Königsroman. Die ganze Welt sollte sich auf das Komödienhaus zubewegen, dem Untergang entgegeneilen. Auf leerer Bühne trat Moreno, gekleidet in ein schwarzes Leichenhemd, auf. „Just aber entführte mich der Gedanke: nicht mich, sondern das Publikum zur Schau zu stellen, bloß zu stellen.” Über dieses „Theater der Selbstzerfleischung” schreibt Moreno ausführlich im stark autobiographisch geprägten Königsroman: „Aber das Theater war ein riesiger Sarg, [...] von Stimmen verletzt, die nach dem Zweck der Versammlung fragten. Während irre Gedanken, ob die dramatische Aufführung einer unendlichen Szene, ein politisches Meeting, ein Rundgang aller menschlichen Führer zugunsten des unbekannten Soldaten, der im Jenseits um einen Sarg schreit, durch die Gesprächsadern stotterten, gab ich das unbekümmerte Zeichen und die Gongs schlugen dreimal mahnend an.” Im Aufzug der Könige ruft Moreno die Namen von Volkstribunen, Königen und Kaisern auf. Sie treten in Maske vor, Moreno schneidet ihren Lebensfaden ab, feiert ihr Totenfest. Das Publikum reagierte nach der Beschreibung Morenos unruhig und ablehnend. Als Moreno Zuschauer mit außergewöhnlichen Masken auf die Bühne schickte, musste der Vorhang fallen, Streitgespräche brachen aus, Buhrufe wurden laut. „Mehrung des Missvergnügens, nachdem kleine Hirne wochenlang wollüstige Überraschungen gewähnt hatten”, kommentiert Moreno. Schließlich beendet er das Spektakel mit dem Satz „Ich verfluche euch.”
Obgleich für die Beschreibung eine fiktive Quelle, Morenos Königsroman, herangezogen wird und Morenos Hang zur Übertreibung und Selbststilisierung wesentliches Merkmal seiner Persönlichkeit war, kann man davon ausgehen, dass diese Publikumsbeschimpfung in ähnlicher Weise abgelaufen sein muß, da auch ein Artikel in der Wiener-Mittags-Zeitung vom 2. April 1921 mit dem Titel „Dadaismus im Komödienhaus” existiert, der überaus polemisch die Aufführung kritisiert. Die theatrale Aktion erinnert an die Soiréen der Dadaisten, nimmt aber auch später entstandene Theaterformen wie das Happening und den Aktionismus vorweg und kann als wichtige Station auf Morenos Weg zum Theater der Spontaneität gesehen werden, das er schließlich im Stegreiftheater in der Maysedergasse fortsetzte und im Psychodrama vollendete. Morenos erklärtes Ziel war, „das Publikum in Akteure zu verwandeln, in Akteure ihres eigenen kollektiven Dramas, des kollektiven Dramas sozialer Konflikte, in das sie in der Tat täglich verwickelt” waren.
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