Das StegreiftheaterLevy Morenos Stegreiftheater sollte das traditionelle, herkömmliche Theater sowohl in formaler wie auch in inhaltlicher Sicht revolutionieren. Mit seinem Theater der Spontanität schuf Moreno ein Forum, in dem aktuelle, tagespolitische Fragen, aber auch persönliche Probleme der Teilnehmer nicht nur erörtert, sondern unmittelbar verkörpert und erfahren wurden. Die Auswahl der Themen fand jeweils ad hoc statt. Im Mittelpunkt des Theaterkonzepts, das Moreno auch als methodisches, theatertheoretisches Arbeitsbuch für Stegreifspiele 1924 unter dem Titel Das Stegreiftheater publizierte, stehen die spontanen Aktionen und Reaktionen der Spieler und Mitspieler. Moreno: „Ich aber wünsche nicht das Theater des guten Gedächtnisses, der kreisförmigen Behaglichkeit, des Selbstvergessens. An Stelle der alten Dreiteilung tritt unsere Einheit: Es gibt keine Dichter, Schauspieler, Zuschauer mehr. Jeder ist Dichter, Schauspieler und Zuschauer in einer Person. Fort mit den Augen der Gaffer und den Ohren der Horcher. Unser Theater ist die Vereinigung aller Widersprüche, des Rausches, der Unwiederholbarkeit.” Im improvisierten Theater in der Maysedergasse dienten wenige Versatzstücke zur Markierung und Beschreibung der imaginären Handlungsorte der Aktionen. Stühle wurden in einem Halbkreis aufgestellt, bisweilen skizzierte ein Schnellmaler die Situation, Stegreifzeichen, eine Art Partitur bestehend aus Zeit-, Raum- und Bewegungsabläufen, sollten Rhythmus, Ablauf und kollektives Spiel ermöglichen. Die Aktivisten des Stegreiftheaters waren Freunde Morenos, der Schriftsteller Georg Kulka, Schauspieler wie Peter Lorre und Hans Rodenberg, die Schauspielerin und Malerin Anna Höllering. In diesem Stegreiftheater in der Maysedergasse fand auch jenes denkwürdige Ereignis statt, das als Ursprung des therapeutischen Spiels, des Psychodramas gilt: Moreno forderte das junge Ehepaar Georg Kulka und Anna Höllering auf, ihre Eheprobleme darzustellen. Während des Agierens gelang es der jungen Frau, die Ursache ihrer Konflikte zu erkennen und mit einem Lachen eine befreiende Wirkung zu erzielen. Aus der Situation entstanden, erkannte Moreno die Ventilfunktion theatralen Spiels, das bei Konflikten und Problemstellungen als Art Lebens-Spiel, als Überlebens-Training eingesetzt werden kann. Eine nachhaltige Veränderung von Verhaltensmustern und Reaktionsmechanismen kann durch eine prozessorientierte Arbeit an den Problemstellungen erreicht werden. Morenos Theaterexperimente fanden 1924 auch Beachtung in der zeitgenössischen Presse. Paul Stefan schreibt in der Stunde am 18. Mai 1924: „Junge Leute, unter der Leitung des Vaters spielen 2, 3 mal in der Woche in der Maysedergasse Nr. 2, der Zulauf ist groß. (...) Ich versichere, daß derlei amüsanter sein kann, als wohlkredidierte Klassik nebst Strindberg. Bei der Stegreifbühne des Vaters bewegt sich alles, ohne jede Brücke, vollkommen frei.” Im April 1924 hielt Jakob Levy Moreno einen Vortrag über Idee und Praxis des Stegreiftheater im Wiener Konzerthaus und plante im Zusammenhang mit der „Internationalen Ausstellung für neue Theatertechnik” im Herbst 1924 die Eröffnung eines Stegreiftheaters mit adäquater Bühnen- und Raumarchitektur. Dieses Vorhaben wurde jedoch nicht ausgeführt, nur als Skizze und Modell umgesetzt. |
Stegreifpartitur "Die Bärte".In: J.L. Moreno, Das Stegreiftheater. Potsdam 1924
Das Theater von Morgen". Kritik zu J.L. Morenos Stegreiftheater in der Maysedergasse.
In: Neuigkeits-Welt-Blatt, Wien vom 27. April 1924 |

