Die Besonderheit und Eigenständigkeit von Morenos Bühnenkonzeption war die Aufsplitterung der zentralen Bühne in viele kleine Teilbühnen. Dem dezentralisierten Spiel entsprach der Grundriß in organisch wuchernder Rosettenform mit vielen gleichwertigen Spielzentren. Morenos kaskadenförmiges Terrassensystem bot durch die getreppten Kreissegmente allen Teilnehmern gleichzeitig Aktions- und Handlunsgraum. Die Schaffung eines Bühnenkonglomerats war die Idee, Spontanität und die Simultanität mehrerer Handlungsebenen in Architektur umzusetzen. Der Bühnenraum sollte der Zuschauerpartizipation und der Spielweise der Schauspieler gerecht werden. Nicht länger stand der Theatertext im Mittelpunkt, sondern der Körper und die Bewegungen der Schauspieler, freies Improvisieren und die Teilnahme des Publikums. Als Theatergebäude für diese Bühnenform sah Moreno einen Baukörper in unverhüllter Stahlbetonkonstruktion mit einer Kuppel vor.
Ging man in der Fachliteratur bisher davon aus, daß tatsächlich nur die ausgestellte Skizze für diese Bühne existiere, fand ich bei meinen Forschungen im Nachlaß Morenos in der Countway Library of Medicine in Boston einen Brief von Hönigsfeld an Moreno aus dem Jahre 1968, aus dem hervorgeht, daß Hönigsfeld auch ein Modell im verkleinerten Maßstab angefertigt hatte. 1924 bei der „Internationalen Ausstellung neuer Theatertechnik” wurde hingegen nur die Entwurfskizze gezeigt. Das Modell wurde nach Hönigsfelds Angaben bei einem Bombenangriff im Zweiten Weltkrieg zerstört. Ein zeitgenössisches Foto dieses Bühnenmodells wurde ebenfalls von mir aufgefunden: Moreno hat es 1925 zusammen mit einem Artikel über das Stegreiftheater in der Zeitschrift Das Zelt veröffentlicht. Diese „Zentralbühne mit Höhenentwicklung” konnte sowohl in ihrer Höhe als auch in ihrer Tiefe variiert werden und sah variable Lösungen der Bühnengestalt vor. Moreno: „Die Guckkastenbühne mit ihrer Rück- und Seitendeckung, ihren Kulissen, ihrem starren System entspricht uns nicht mehr, [...]. Daher wird die Bühne aus dem Versteck geholt und wie ein Turm in die Mitte gestellt. Sie schwebt im Raum, nicht rückwärts von Kulissen gedeckt, sondern frei nach allen Seiten, und die Zuschauer sitzen rings im Kreise. Die Bühne ist so konstruiert, daß sie beliebig hoch gestuft werden kann. Eine Zentral- im Gegensatz zur bisherigen Peripheriebühne, eine Hoch- im Gegensatz zur bisherigen Tiefbühne, eine Vertikal- im Gegensatz zur bisherigen Horizontalbühne, eine bewegliche Freibühne im Gegensatz zum starren Guckkasten.”
|