Theater ohne Zuschauer
„Theater ohne Zuschauer”. Architekturskizze von Rudolf Hönigsfeld. In: Internationale Ausstellung neuer Theatertechnik. Katalog, Programm, Almanach. Hrsg. von Friedrich Kiesler, Wien, Verlag Kunsthandlung Würthle 1924

Bühnen- und Raumarchitektur

Da der Lebensraum, das Leben selbst, Mittelpunkt und Schauplatz dieser spontanen, theatralen Aktionen ist, muß auch der Bühnenraum den neuen Anforderungen entsprechen. Die architektonische Lösung für die simultan ablaufenden Aktionen der Akteure und deren Erlebnisse und Empfindungen sowie die szenische Vermittlung verschiedener Bewusstseinszustände und Handlungsebenen fand Moreno in unterschiedlich erhöhten Spielpodien, die um eine zentrale Spielfläche konzentrisch angeordnet waren. Die Grundrißskizze zu seinem idealen Theater ohne Zuschauer spiegelt seine ästhetischen Ideen: ein Raum, der in seiner Gesamtheit zum Aktionsort auf unterschiedlichen Ebenen wird. In ihm gibt es keine Zuschauer, nur am Spiel Beteiligte. Der Kreis, die Rosettenform, steigert den Raum und das Geschehen ins Unendliche.

Im Zusammenhang mit der „Internationalen Ausstellung für Theatertechnik” im Herbst 1924 plante Jakob Levy Moreno die Eröffnung eines Stegreiftheater mit der adäquaten Raum- und Bühnenkonstruktion. Pläne und Entwürfe verzögerten sich. Schließlich gelang es gerade noch, eine Entwurfskizze der Bühne, ausgeführt vom Architekten Rudolf Hönigsfeld, in den Katalog der Ausstellung unterzubringen. Bei der Eröffnung der Ausstellung kam es vor versammelter Presse und Bürgermeister Seitz zu einem Eklat, da Levy Moreno die ausgestellte Raumbühne von Friedrich Kiesler als Plagiat seiner eigenen Ideen bezeichnete. Kiesler reichte gegen Moreno eine Klage wegen Ehrenbeleidigung und Verleumdung ein. Erst 1930 entschied der Oberste Gerichtshof für Zivilsachen zugunsten Morenos, doch da lebte Moreno schon in seiner neuen Heimatstadt New York.

Rudolf Hönigsfeld. Entwurf für J.L. Morenos „Theater ohne Zuschauer”. Handzeichnung (Countway Library of Medicine, Boston; Nachlaß Moreno)

Schematische Innenansicht des idealen Theaters ohne Zuschauerraum.r
Schematische Innenansicht des idealen Theaters ohne Zuschauerraum. In: J.L. Moreno, Das Stegreiftheater, Potsdam 1924

Die Besonderheit und Eigenständigkeit von Morenos Bühnenkonzeption war die Aufsplitterung der zentralen Bühne in viele kleine Teilbühnen. Dem dezentralisierten Spiel entsprach der Grundriß in organisch wuchernder Rosettenform mit vielen gleichwertigen Spielzentren. Morenos kaskadenförmiges Terrassensystem bot durch die getreppten Kreissegmente allen Teilnehmern gleichzeitig Aktions- und Handlunsgraum. Die Schaffung eines Bühnenkonglomerats war die Idee, Spontanität und die Simultanität mehrerer Handlungsebenen in Architektur umzusetzen. Der Bühnenraum sollte der Zuschauerpartizipation und der Spielweise der Schauspieler gerecht werden. Nicht länger stand der Theatertext im Mittelpunkt, sondern der Körper und die Bewegungen der Schauspieler, freies Improvisieren und die Teilnahme des Publikums. Als Theatergebäude für diese Bühnenform sah Moreno einen Baukörper in unverhüllter Stahlbetonkonstruktion mit einer Kuppel vor.

Ging man in der Fachliteratur bisher davon aus, daß tatsächlich nur die ausgestellte Skizze für diese Bühne existiere, fand ich bei meinen Forschungen im Nachlaß Morenos in der Countway Library of Medicine in Boston einen Brief von Hönigsfeld an Moreno aus dem Jahre 1968, aus dem hervorgeht, daß Hönigsfeld auch ein Modell im verkleinerten Maßstab angefertigt hatte. 1924 bei der „Internationalen Ausstellung neuer Theatertechnik” wurde hingegen nur die Entwurfskizze gezeigt. Das Modell wurde nach Hönigsfelds Angaben bei einem Bombenangriff im Zweiten Weltkrieg zerstört. Ein zeitgenössisches Foto dieses Bühnenmodells wurde ebenfalls von mir aufgefunden: Moreno hat es 1925 zusammen mit einem Artikel über das Stegreiftheater in der Zeitschrift Das Zelt veröffentlicht. Diese „Zentralbühne mit Höhenentwicklung” konnte sowohl in ihrer Höhe als auch in ihrer Tiefe variiert werden und sah variable Lösungen der Bühnengestalt vor. Moreno: „Die Guckkastenbühne mit ihrer Rück- und Seitendeckung, ihren Kulissen, ihrem starren System entspricht uns nicht mehr, [...]. Daher wird die Bühne aus dem Versteck geholt und wie ein Turm in die Mitte gestellt. Sie schwebt im Raum, nicht rückwärts von Kulissen gedeckt, sondern frei nach allen Seiten, und die Zuschauer sitzen rings im Kreise. Die Bühne ist so konstruiert, daß sie beliebig hoch gestuft werden kann. Eine Zentral- im Gegensatz zur bisherigen Peripheriebühne, eine Hoch- im Gegensatz zur bisherigen Tiefbühne, eine Vertikal- im Gegensatz zur bisherigen Horizontalbühne, eine bewegliche Freibühne im Gegensatz zum starren Guckkasten.”







Zentralbühne
Die Zentralbühne mit variabler Höhenentwicklung. Foto des Bühnenmodells. In: Das Zelt. Eine jüdische illustrierte Monatsschrift für Kunst, Literatur und Wissenschaft, Wien, Zelt-Verlag, Jg. 1 (1925), Heft 10