Be My Witness!


Sei mein Zeuge!

… fordert Sissi, als schizophren diagnostiziert, ihre Psychoanalytikerin heraus, nachdem sie ihr die Ursache ihrer Probleme offenbart hat. Sissi ist die erste Patientin von Françoise Davoine, der Analytikerin, Hauptfigur und Schauspielerin, die sich im Film A Long History of Madness selbst spielt. So wie bei Dora und Freud, beendete Sissi die Therapie bei Françoise, die ihr nicht in der Lage erschien, ihr zu helfen. Zwanzig Jahre später und immer noch in einem psychiatrischen Krankenhaus eingeschlossen, erhält Sissi ihre “zweite Chance” durch eine andere Analytikerin, die ihr langsam aber sicher erlaubt, ihr innerstes, dunkelstes Selbst zu erreichen. Dieses Mal hat die Analytikerin keine Angst davor, sich in die Schusslinie zu begeben, und somit eine Identifikation zu ermöglichen, um unerreichbare Erinnerungen an die Oberfläche zu bringen.

In der westlichen Kultur besteht der „Wahnsinn“, in einer Vielzahl von medizinischen Begriffen als Psychose, Schizophrenie, Soziopathologie oder Ähnliches bezeichnet, als letzte Grenze, die Form der Alterität, die am schwersten zu bewältigen ist. Wahnsinn ist nicht auf Gruppen ethnischer, sexueller, Alters- oder rassischer Definition beschränkt. Vielleicht ist es deshalb so schwierig, die Grenze, die das „Verrückte“ von dem angeblich geistig Gesunden trennt, zu überwinden, weil wir den „Wahnsinn“ nicht definieren können, um ihn dann anderorts abzudrängen. Die „Verrückten“ werden somit der sozialen Ausgrenzung und Einsamkeit überlassen. Doch oftmals drückt sich das angeblich Verrückte in einem Überschuss aus: Da sie mehr Stimmen als die „Gesunden“ hören, haben „Verrückte“ ein reicheres Seelenleben.

Für Sissi nimmt dieser Überschuss die Form kaiserlichen Gehabes an: sie denkt, sie wäre – wie ihre Namenspatronin – die Kaiserin von Österreich-Ungarn. Sie wendet Zeit und Geld auf, sich entsprechend zu kleiden und zu frisieren, extravagante, wenn auch nicht kostbare Schmuckstücke zu tragen, und von oben herab mit ihrer Analytikerin zu sprechen. Die Therapeutin ist letzen Endes erfolgreich, da diese in der Lage ist zu sehen, wie Sissi sie “behandelt”, und dies andererseits auch Sissi sehen lässt. Dadurch erhält Sissi die Möglichkeit, sich ihrer dunklen Vergangenheit zuzuwenden.

Zwischen der Kunst und ihren Rezipient_innen ist ein Prozess ähnlicher Größenordnung möglich. Die Videoarbeit Eine zweite Chance führt den_die Zuschauer_in durch zwölf analytische Sitzungen, die die Psychoanalyse selbst umgestalten. Durch die sehr intensive Identifizierung mit der Patientin und die Vermittlung von Gleichwertigkeit wird letztere im Adressieren der psychischen Erkrankung effektiver.

In Eine zweite Chance wird diese Haltung auch dem_der Betrachter_in von Kunst angeboten, um auf die gleiche Weise lernen zu können, die Bereicherung zu erfahren, die Alterität mit sich bringen kann, diese zu akzeptieren und somit die Rolle des_r Zeugen_in zu billigen. In dem kürzeren Stummfilm, Sissi Outside, wird Sissi in ihrer Außenumgebung gezeigt, auf der historischen Insel Seili (Sjalö), wo eine Foucault-artige Leprakolonie in eine Nervenheilanstalt transformiert wurde, die die Umgebung für Sissis Aufenthalt bildet. Auch das Land und seine Geschichten sind somit Zeugen. Die Arbeit Sissi’s Skins besteht aus einigen Kleidern und Schmuckstücken, die Sissi in dem Video trägt. In gewisser Hinsicht lösen diese Objekte die strikte Grenze zwischen Fiktion und Dokumentation auf, da sie real und tragbar sind. Zum anderen sind sie Sissis engste Zeugen: Objekte, die bei ihr sind, wie eine zweite Haut. Die Würde, die diese auf sie übertragen, schützt sie gegen erneute Angriffe.

Sissi Outside von Mieke Bal und Michelle Williams Gamaker

Die Videoarbeiten von Mieke Bal und Michelle Williams Gamaker stehen im Zusammenhang mit dem Film A Long History of Madness, der vom 12. bis 19. Mai im Topkino zu sehen ist.

BE MY WITNESS! ist Teil von „NARRATION UND MIGRATION – Art-based Research / Research-based Art” , das vom 8. bis zum 26. Mai in Kooperation mit dem tfm | Institut für Theater-, Film- und Medienwissenschaft, der Brunnenpassage and dem Topkino stattfindet.

Mieke Bal (1946) ist eine Kulturtheoretikerin und Kritikerin, sie ist eine Professorin der Königlichen Niederländischen Akademie der Künste und Wissenschafen (KNAW). Ihre Forschungsschwerpunkte reichen von biblischer und klassischer Antike bis zur Geschichte des 17. Jahrhunderts sowie zeitgenössische Kunst und Literatur, Narratologie, Feminismus und Migrationskultur. Zu ihren zahlreichen Veröffentlichungen zählen A Mieke Bal Reader (2006), Travelling Concepts in the Humanities (2002) und Narratology (2009, 3. Aufl.). Mieke Bal tritt außerdem als Kuratorin und Videokünstlerin in Erscheinung, ihre experimentellen Dokumentarfilme über Migration umfassen die Videoarbeiten A Thousand and One Day und Colony sowie die Installation Nothing is Missing.

Michelle Williams Gamaker (1979) ist Künstlerin und Autorin. Ihre Arbeit reicht von einfachen Porträts und Installationen bis zu komplexen Darstellungen der Realität durch Dokumentar- und Spielfilme. Das subtile und außergewöhnliche Erzählpotential des Alltäglichen ist die Wurzel ihres Schaffens. Ihre Videoarbeit fand erstmals 2001 bei den “Bloomberg New Contemporaries” Anerkennung. Seitdem zeigt sie ihr Werk international. Ihre Dokumentarfilme umfassen Elizabitch (2004), All about Évike (2005), Colony (2006) und Becoming Vera (2007). Derzeit lebt und arbeitet Michelle Williams Gamaker in Amsterdam und London, wo sie ihren Phd in Bildender Kunst am Goldsmiths College abschloss und im MFA Art Practice Programm Teilzeit unterrichtet.

Ausstellungsansichten

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